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Angst beim Hund ignorieren?

Katharina Hanke

Angst beim Hund ignorieren?

Wenn der Beschützer versagt und der Hund sich missverstanden fühlt. Jeder kennt solche Aussagen: Wenn ein Hund Angst zeigt, sich erschrocken oder wehgetan hat, solle man möglichst nicht zum Hund schauen, ihn bloß nicht streicheln und sich am besten von ihm abwenden – sonst könne man dessen Angst belohnen und verstärken.

Einen Hund, welcher Angst hat gänzlich zu ignorieren, hat jedoch zur Folge, dass dieser sich missverstanden und hilflos fühlen kann. »Ein Hund als soziales Wesen braucht positive emotionale Zuwendung, (auch) wenn er Angst zeigt« (Hagemann/Laser 2013: 40). Doch kann diese wirklich die Angst noch schlimmer machen? Ein ruhiger Zuspruch, eine freundliche Zuwendung oder eine zärtliche Berührung – all diese Maßnahmen klingen doch alles andere als Angst einflößend. Und auch die Sache mit dem Verstärken hat einen Haken: Zum einen haben wir es hier mit einer Emotion und nicht mit einem Verhalten zu tun. Zum anderen sind Hunde, welche sich im besonders hohen Angst- bzw. Stresslevel befinden, teilweise nicht einmal mehr in der Lage, Futter anzunehmen. Wie kann Zuwendung in einer solchen Situation bestärkend wirken, wenn selbst Futter dies nicht schafft? Neurobiologisch scheint es demzufolge nicht möglich zu sein, Angst mit etwas für den Hund Angenehmen zu verstärken. Hingegen geben wir durch das Ignorieren und Wegschicken des Hilfe suchenden Hundes einen weiteren negativen Reiz zu einer ohnehin schon negativen Emotion hinzu. Wir machen das Unangenehme schlichtweg noch unangenehmer. Erscheint es vor diesem Hintergrund nicht naheliegender, Angst mit etwas für den Hund Schönen und Angenehmen zu verbinden? Durch Streicheln sinkt zwar nicht der Cortisol-Spiegel und damit das Stressniveau, dafür steigt aber die Ausschüttung vom »Entspannungshormon« Oxytocin.

Kurzum: Wir können etwas tun, damit der Hund sich in Momenten des Unwohlseins etwas wohler fühlt.

In für ihn schwierigen Situationen für den Hund da zu sein, wirkt sich auch positiv auf sein Vertrauen zu uns aus. Fühlt der Hund sich bei uns sicher und gut aufgehoben, muss er weniger selbst aktiv werden. Das erleichtert uns den Mensch-Hund-Alltag ungemein. Spätestens die Erkenntnis, dass es sich bei der »Die-klären-das-unter-sich-Theorie« um einen Mythos handelt, sollte uns hier die Augen geöffnet haben: Immer wieder ertönt unter Hundehaltern der Wunsch, ein so genannter Rudelführer zu sein. Und was machen viele »Rudelführer« in einer für den Hund brenzlichen Situation? Genau. Sie ziehen den Schwanz ein, schicken ihn allein hindurch und sind dann mal kurz kein »Rudelführer« mehr. „Die klären das schon unter sich“, heißt es dann oft. Wenn wir im Anschluss an die heikle Situation den Rudelführer-Anspruch zurück erlangen, hat unsere Souveränität jedoch einen Dämpfer erlitten. In unserem Job als »Rudelführer« haben wir in den Augen des Hundes versagt oder zumindest ordentlich an Coolness verloren. Schauen wir uns dazu folgendes Beispiel an: Bei einem Zusammentreffen mehrerer Hundehalter lassen diese ihre Hunde frei laufen. Einer der Hunde zeigt durch seine Körperhaltung und den Versuch des Rückzugs deutlich, dass er den Kontakt als unangenehm empfindet. Er macht sich, als er von den anderen Hunden bedrängt wird, beim Besitzer durch Verstecken hinter den Beinen und anschließendem Hochspringen am Hosenbein bemerkbar. Dieser geht nicht weiter auf das Verhalten seines Hundes ein, reagiert mit einem »geh schön spielen« oder sanktioniert den Hund gar noch für das Springen. Auch die anderen Halter greifen nicht ein und fordern ihre Hunde nicht zur Zurückhaltung auf. Der in die Enge getriebene Hund kommt mit seinem Halter immer wieder in solche Situationen. Die Folge kann sein, dass er bei Hundebegegnungen

beginnt reaktives Verhalten zu zeigen, um bereits im Vorfeld auszustrahlen: »Komm lieber gar nicht erst näher«. Der Hund hat hier gelernt, dass er nicht auf Sicherheit durch den Menschen zählen kann und die Sache selbst in die Hand nehmen muss. Hier hätte der Mensch eingreifen und für den Hund da sein müssen. Dem Hund zu verdeutlichen, dass er bei uns sicher ist, er sich immer auf uns verlassen kann und bei uns Schutz findet – das ist ein Schlüssel zur vertrauensvollen Mensch-Hund-Beziehung und Grundlage für ein gelassenes, souveränes Hundedasein. Führung bedeutet auch Verantwortung übernehmen und den Hund, wenn es die Situation erfordert, zu beschützen – ob bei bedrohlichen Hundebegegnungen oder wenn es eben einfach »nur« die Angst vor Gewitter ist.

Würden wir das gleiche Verhalten - Ignorieren von Angst und Unwohlsein - bei einem Menschen (z.B. bei einem verängstigten Kind) anwenden, würden wir vielleicht sogar als »asozial« abgestempelt werden. Beim Hund ist das nichts anderes: Ist es nicht unsozial, unfair und unverständlich, wenn der Hund beim Menschen keinen Schutz bekommt, obwohl er diesen doch sucht? Er wird auf diese Art und Weise in einer unangenehmen Emotion nicht wahr- und ernstgenommen und hat keine Chance zu lernen, wie er anders reagieren könnte. Wir erarbeiten mit ihm kein Alternativverhalten, keine Ausweichmöglichkeit, keinen Ausweg. Anstatt seine Angst anzugehen, versuchen wir diese (weg) zu ignorieren. Dem Hund ist damit nicht geholfen. Im Gegenteil: Umso länger wir die Angst ignorieren, desto schlimmer kann sie werden und sich ausweiten. Ein Verhalten verschwindet nicht einfach so, sondern sollte durch ein Alternativverhalten ersetzt und abgelöst werden. Angst beim Hund ist demnach etwas, dem wir Beachtung schenken sollten:

Ein ängstlicher Hund braucht Hilfe, indem wir auf seine Angst eingehen und ihm ein Training anbieten, durch welches er mit seiner Emotion alternativ umzugehen lernt.

In für den Hund bedrohlichen Momenten, sollten Sie daher darauf achten, wie stark die Angst in der jeweiligen Situation gerade ist. Beobachten Sie Ihren Hund. Reichen vielleicht ein paar zusprechende Worte und die Aufforderung weiter zu gehen? Oder benötigt der Hund Zuwendung in Form konditionierter oder direkter Entspannung? Kann er noch nach ausgestreutem Futter suchen? Oder reagiert er gar nicht mehr auf Ansprache und nimmt kein Futter mehr an? Benötigt er dann eher das Angebot eines Rückzugs (-ortes)? Wie auch immer – schauen Sie, was die Situation erfordert, wozu Ihr Hund noch in der Lage ist und was ihm jetzt gerade am meisten helfen würde. Es kann sein, dass der gestresste und geängstigte Hund zwar kein Futter mehr aus der Hand annimmt, aber eine Leckerchengabe in Form der Futtersuche noch bei ihm ankommt. Häufig erfolgt die Futteraufnahme hierbei anfangs nur in Form einer Übersprungshandlung, der Hund könnte aber nach dem ersten Erfolg im »Schnüffelmodus« verbleiben und diese Beschäftigung zu seiner Entspannung beitragen. Andere Hunde bekommen wir vielleicht in einen »Arbeitsmodus« versetzt. Hier können beliebte Übungen, welche für den Hund belohnend wirken helfen, die Zeit der Angst zu überstehen. Ist der Hund zu all dem nicht mehr in der Lage, ist auch das Markern (Benutzen des Markersignals oder des Clickers) in die Momente der Angst hinein, sprich: ein Markern von angsteinflößenden Reizauslösern, möglich. Und wieder: Nein, damit markieren und verstärken wir nicht die Angst an sich. Wir fügen nur etwas schon unzählige Male positiv Konditioniertes (hier: das Markersignal) hinzu und machen eine unangenehme Situation etwas besser.

Es geht bei allen Hilfsangeboten jedoch nicht darum, um den Hund zu buhlen, wenn dieser nicht will. Zieht beispielsweise ein ängstlicher Hund bei uns ein, um welchen ständig mit ausgestreckter Hand und Ansprache gerungen wird, kann dies für ihn bedrohlich wirken und die Angst tatsächlich stärker werden lassen. Wichtig ist daher, dass der Hund nichts von all dem gut Gemeinten als Bedrohung empfindet.

Die Art der menschlichen Zuwendung soll in Momenten der Angst für den Hund ausschließlich angenehm sein.

Dazu ein weiteres Beispiel aus der Praxis: Ich bin mit meinem Hund und einer Bekannten im Wald unterwegs. Uns kommt eine Joggerin entgegen, welche ihren Hund anleint. Ich tue daraufhin mit meinem Hund dasselbe. Mir fällt auf, dass sich der nähernde Hund unwohl fühlt und seinen Schritt gerne verlangsamen würde. Um den Hunden auf dem relativ engen Weg keine Frontalbegegnung (für Hunde unfreundlich bis bedrohlich) zuzumuten, gehe ich so weit wie möglich an den Wegesrand. Ich fordere den Blick meines Hundes ein, um ihn vom anderen Hund abzuwenden und diesen in Ruhe passieren zu lassen. Die Frau wird beim näher kommen sichtlich angespannter – so, als würde sie nur auf eine Reaktion ihres Hundes warten. Begleitet wird ihre Anspannung von drohenden Worten wie »wag es nicht«. Da die Frau die Signale ihres Hundes nicht wahrnimmt, geht dieser in der Kommunikationsleiter weiter und stemmt sich schließlich, begleitet von lautstarkem Bellen, in die Leine. Die Halterin bleibt stehen und bestraft ihren Hund dafür, indem sie sich über ihn beugt, ihn anschreit und ins Halsband greift. In unsere Richtung ertönt ein entschuldigendes Statement: »Die reagiert nur so, weil sie Angst hat.« Der Hund hat also Angst und ich schimpfe mit ihm? Das müsste doch allein moralisch gesehen ein No-Go sein. Schauen wir uns die Situation einmal genauer an: Der passierende Hund hat Angst vor anderen Hunden – vielleicht weil er schlechte Erfahrungen gemacht hat, vielleicht weil er nie ein richtiges Sozialverhalten erlernen durfte oder warum auch immer. Fakt ist, dass seine Halterin die anderen Hunde in den Momenten, in denen sie selbst aggressives Verhalten folgen lässt, noch bedrohlicher erscheinen lässt. Für den Hund heißt das schlichtweg: »Immer wenn ich einem Hund begegne, passiert etwas Schlimmes.« Das macht das Aufeinandertreffen mit anderen Hunden noch Angst einflößender. Sinnbildlich können wir uns dies folgendermaßen vorstellen:

Reiz »fremder böser Hund« + Reiz »Aggression des Halters« = anderer Hund erscheint noch böser = Reaktion des Hundes wird noch stärker.

Um Unsicherheiten zu bearbeiten, sollte der Hund im Training schrittweise an den Angst auslösenden Reiz herangeführt werden. Ziel sollte es sein, den Reiz mit etwas für den Hund Positiven zu verknüpfen. Das »Monster« wird durch uns und unser positives Hinzufügen zu einem kleineren »Monster« und schrumpft immer weiter, umso häufiger und intensiver wir vermitteln, dass in seiner Gegenwart etwas Tolles passiert. Dies ist besonders gut möglich durch die Nutzung eines positiv aufgeladenen Markersignals. Ein ruhiger Blick zum Angst auslösenden Reiz lassen Markerwort und Belohnung folgen. Hier profitieren wir insbesondere von der klassischen Konditionierung: Der Hund lernt »Monster = toll«, indem er immer etwas Angenehmes erlebt, wenn er mit dem Reiz in Kontakt kommt. Ziel ist hier eine so genannte Gegenkonditionierung. Ebenso können Strategien der konditionierten Entspannung genutzt werden, um den Hund durch ein Entspannungswort hinsichtlich seines Erregungslevels hinunterzufahren. Auf diese Weise kann der Hund den Aufbau von Strategien und Alternativverhalten erlernen – mit dem Menschen an seiner Seite, welcher Angst besetzte Situationen positiv erscheinen lässt und mit ihm nach und nach bewältigt.

Der schönste Nebeneffekt: Als Halter kann ich meine Rolle als Beschützer weiter festigen und die Mensch-Hund-Beziehung stärken. Eine Situation wirkt insgesamt entspannter, wenn der Beschützer möglichst ruhig bleibt. Auch wenn ihn diese möglicherweise selbst gerade verunsichert. Angst, Panik und Hysterie können sich auf andere Menschen und auch Hunde übertragen. Glücklicherweise besitzen wir die Fähigkeit, unserem Hund etwas vorzuspielen – nämlich unsere eigene innere Ruhe. Tief durchzuatmen und so die eigene Atmung und Aufregung zu kontrollieren hilft uns dabei, für den Hund den so wichtigen Sicherheitspool darzustellen.

Sylvester und die Angst vor Böllern!

Probieren Sie es beim nahenden Silvesterfest doch einmal aus: Anstatt den geängstigten Hund möglicherweise zu ignorieren, bieten Sie ihm schöne und angenehme Dinge an. Machen Sie mit ihm und für ihn alles, was ihm gut tut und ihn in seiner Angst entlastet. Während es draußen Funken regnet, regnet es drinnen Leckerchen, das Lieblingsspielzeug wird herausgeholt, der Hund darf seine Lieblingstricks vorführen. Wenn der Hund für all diese Angebote nicht mehr empfänglich ist, darf auch der Lieblingsort (z.B. im Bett von Frauchen oder Herrchen) aufgesucht werden. Sucht ihr Hund stattdessen Nähe und Körperkontakt – seien Sie auf diese Weise für ihn da und werden Sie zu seinem Fels in der Brandung. An diesem Abend darf der Vierbeiner ausnahmsweise einmal Prinzessin oder Prinz sein. Haben Sie nur keine Angst davor, seine Angst durch Zuwendung zu verstärken…

Ihre Katharina Hanke von der Hundeschule LanDOG

Literatur: Hagemann, Wibke/Laser, Birgit (2013): Leben will gelernt sein. So helfen Sie Ihrem Hund, Versäumtes wettzumachen.